Jens Lehmann & die Kettensäge: Der schockierende Fall mit 135.000 Euro Strafe
- May 18, 2026
- by
- Karl Hoffmann
Jens Lehmann war der Mann, der mit einem Spickzettel im Stutzen eine Weltmeisterschaft mitentschied — und doch reichte ihm am Ende ein Blick auf den Starnberger See, um alles auf Spiel zu setzen. Die Geschichte um Jens Lehmann und die Kettensäge ist auf den ersten Blick ein skurriler Promiskandal. Auf den zweiten ist sie das Porträt eines Mannes, der sein ganzes Leben nach denselben Regeln gespielt hat — und der nach dem Ende seiner Karriere merken musste, dass diese Regeln nur auf dem Fußballplatz galten.
Der Tag, an dem die Kamera lief
Es war der 25. Juli 2022, ein Montagnachmittag am Starnberger See. Jens Lehmann, damals 52 Jahre alt und nach eigener Gerichtsangabe „arbeitsloser Fußballtrainer”, fuhr zunächst mit einem Motorroller an dem Grundstück seines Nachbarn vorbei. Dann kehrte er zurück — mit einer Kettensäge. Was er nicht wusste oder nicht für möglich hielt: Er hatte zwar das Stromkabel der Überwachungskamera seines Nachbarn aus der Verankerung gerissen, aber die Kamera lief weiter. Sie hatte eine Batterie. Die Bilder, die der Schwiegersohn des Nachbarn kurz darauf auf sein Handy in Berlin geschickt bekam, zeigten Lehmann dabei, wie er die Kettensäge an einem Dachbalken der Garage ansetzte.
Es war kein spontaner Wutausbruch, wie man ihn vielleicht noch entschuldigen könnte. Es war eine Tat, die Planung verrät: der Vorbeischwung mit dem Roller, die Rückkehr mit dem Werkzeug, der Versuch, die Kamera auszuschalten. Lehmanns Nachbar, der damals 91-jährige Walter Winkelmann, beschrieb im Gerichtssaal mit bemerkenswerter Gelassenheit, wie sein Schwiegersohn ihn aus Berlin anrief. Die Überwachungskamera hatte geliefert, was kein Zeuge hätte besser dokumentieren können.
Ein Blick, der 135.000 Euro wert war
Was brachte Jens Lehmann, einen früheren Nationaltorwart, dazu, mit einer Kettensäge das Eigentum seines Nachbarn zu beschädigen? Die Antwort, die sich durch alle Gerichtsdokumente und Zeugenbefragungen zieht, ist so banal wie erhellend: Der Neubau der Garage versperrte Lehmann den Blick auf den Starnberger See. Rund 1,5 Meter soll das Bauwerk in sein Grundstück hineinragen, so Lehmanns Behauptung — eine Aussage, die zivilrechtlich inzwischen beigelegt wurde, nachdem sein Nachbar 60.000 Euro Entschädigung erhielt.
Der Nachbarschaftsstreit hatte eine lange Vorgeschichte. Laut Gerichtsakten gab es in den Jahren vor dem Kettensägenvorfall bereits mindestens drei weitere Sachbeschädigungen an derselben Garage, die einen Schaden von über 10.000 Euro verursachten. Lehmann hatte seine Villa am Starnberger See vor rund 15 Jahren für einen Preis im mittleren einstelligen Millionenbereich erworben. Der freie Blick auf den See gehörte wohl zum ungeschriebenen Versprechen dieses Anwesens — und dieser Blick verschwand nun hinter Beton und Holz.
Das Amtsgericht Starnberg verurteilte ihn im Dezember 2023 zu einer Geldstrafe von 210 Tagessätzen zu je 2.000 Euro: insgesamt 420.000 Euro, wegen Sachbeschädigung, Beleidigung von Polizeibeamten und versuchten Betrugs. Lehmann legte Berufung ein, und das Landgericht München II reduzierte die Strafe im September 2024 auf 150 Tagessätze zu je 900 Euro — also 135.000 Euro, wegen Sachbeschädigung und versuchten Betrugs. Das Verfahren wegen Polizistenbeleidigung wurde eingestellt. Im Oktober 2024 wurde dieses Urteil rechtskräftig, nachdem weder Staatsanwaltschaft noch Verteidigung Rechtsmittel einlegten.
Das Schweigen als Strategie
Wer den ersten Prozess vor dem Amtsgericht Starnberg verfolgte, erlebte einen Jens Lehmann, der redet. Viel. Er kritisierte die Staatsanwaltschaft, sprach von Vorverurteilungen, von fehlenden Beweisen, von medialer Hetze. Er gab wortreiche Erklärungen ab, bei denen er auf die Frage, warum er die Kettensäge denn an den Holzbalken angelegt habe, schlicht antwortete: „Das weiß ich nicht mehr.”
Im Berufungsverfahren vor dem Landgericht München II war dieser Lehmann verschwunden. Er sprach kein einziges Wort. Als der Richter fragte, ob er den Ausführungen seines Anwalts Florian Ufer etwas hinzuzufügen habe, zeigte Lehmann mit einer knappen Geste, dass er sich ihnen anschließe. Nach dem Urteil verließ er den Gerichtssaal mit schnellen Schritten und gesenktem Kopf. Das Verfahren war in unter drei Stunden abgeschlossen, weil Lehmann und seine Anwälte sich zu Beginn mit Staatsanwaltschaft und Gericht auf die Akzeptanz der Verurteilung geeinigt hatten. Zeugen mussten nicht gehört werden. Das Kettensägenvideo musste nicht mehr abgespielt werden.
Fast 300.000 Euro hatte diese strategische Kehrtwende gespart — vom ursprünglichen Strafmaß von 420.000 auf die rechtskräftigen 135.000 Euro.
Der Torwartcharakter als Lebensmodell
Hier liegt der Aspekt, der in der gesamten Berichterstattung über Jens Lehmann über den Kettensägenprozess kaum je beim Namen genannt wurde: Jens Lehmann verkörperte über zwei Jahrzehnte einen ganz bestimmten Spielertypus. Torhüter gelten im Fußball als psychologische Sonderfälle — Einzelkämpfer in einer Mannschaftssportart, die auf einem Posten stehen, auf dem jeder Fehler sofort sichtbar wird und direkt zum Gegentor führt. Die besten unter ihnen entwickeln eine extreme Kontrollmentalität: Sie analysieren Schützen, lesen Bewegungen, berechnen Wahrscheinlichkeiten. Lehmanns berühmter Spickzettel im Viertelfinale der WM 2006 gegen Argentinien, auf dem er die Schussgewohnheiten der argentinischen Elfmeterschützen notiert hatte, wurde zum Symbol dieser Philosophie. Er schenkte dem Zufall nichts. Er kontrollierte, was kontrollierbar war.
Dieser Charakter machte ihn zu einem der besten Torhüter seiner Generation. Er war Teil der „Invincibles” bei Arsenal, jener Mannschaft, die in der Saison 2003/04 die gesamte Premier-League-Saison ohne eine einzige Niederlage absolvierte. Er hielt in der Champions League zehn Spiele in Folge ohne Gegentor — ein Rekord, der lange Bestand hatte. Er gewann die Bundesliga mit Borussia Dortmund, den UEFA-Cup mit Schalke 04, und wurde zweimal zum UEFA-Torwart des Jahres gewählt.
Aber die Fußballkarriere endet. Und mit ihr der strukturierte Rahmen, der einen solchen Charakter kanalisiert. Was auf dem Platz als Tugend gilt — die Weigerung, eine Niederlage zu akzeptieren, die Überzeugung, dass man die Kontrolle zurückgewinnen kann, die Bereitschaft, alles auf eine Karte zu setzen — das kann sich im Privatleben als gefährlich erweisen.
Ein Muster, keine Ausnahme
Die Kettensäge war kein Betriebsunfall. Wer Lehmanns Nachkarriere betrachtet, findet ein Muster, das erschreckend konsistent ist. Im Mai 2021 schickte er einem WhatsApp-Verteiler eine Nachricht, in der er den früheren Nationalspieler und Sky-Experten Dennis Aogo als „Quotenschwarzen” bezeichnete. Die Nachricht wurde öffentlich, Lehmann entschuldigte sich und verlor seinen Aufsichtsratsposten beim Bundesligisten Hertha BSC. Wenige Monate nach dem Kettensägenvorfall, im Herbst 2022, soll er laut Strafbefehl nach dem Besuch auf dem Oktoberfest alkoholisiert Auto gefahren sein. Und dann war da noch der Parkgebühren-Betrug am Münchner Flughafen im September 2022: Laut Anklage soll Lehmann rund 300 Euro Parkgebühren nicht bezahlt haben, indem er die Schranke beim Herausfahren austrickste, indem er Stoßstange an Stoßstange hinter einem anderen Fahrzeug unter der Schranke hindurchfuhr.
Es ist eine bemerkenswerte Reihe von Vorfällen. Ein rassistisch konnotierter Nachrichtenversand. Eine mutmaßliche Trunkenheitsfahrt. Ein Parkgebührenbetrug über 300 Euro — eine für seine Verhältnisse mikroskopische Summe. Und schließlich eine Kettensäge in der Garage des Nachbarn. Was diese vier Ereignisse verbindet, ist nicht Geldnot oder strategisches Kalkül. Es ist das Muster eines Mannes, der sich bestimmten Regeln schlicht nicht unterworfen fühlt — oder besser: der die Regeln dort, wo er sie für sich als ungültig erklärt hat, einfach außer Kraft setzt.
Sein Nachbar Winkelmann, damals 92 Jahre alt, fasste die Atmosphäre des Streits mit einer Trockenheit zusammen, die mehr sagte als jedes psychiatrische Gutachten: „Man muss es auch mal ein bisschen von der witzigen Seite sehen.” Er sprach von „sechs Kilo Leitz-Ordnern” voller Schriftsätze, die der Streit produziert hatte, und nannte Lehmann lakonisch seinen „lieben Nachbarn” und „den guten Herrn Lehmann”. Eine andere Nachbarin aus der Gegend schilderte gegenüber Medien, Lehmann parke seinen „dicken Porsche” regelmäßig vor ihrer Einfahrt. Er konnte wohl nicht anders.
Was der Fall lehrt — jenseits des Tratschs
Der Starnberger Kettensägenprozess wurde in der Öffentlichkeit vor allem als Unterhaltung konsumiert: ein Promi-Star, eine Kettensäge, ein alter Nachbar und eine kluge Überwachungskamera. Das ist der verdauliche Teil der Geschichte. Der unbequemere Teil ist die Frage, was gesellschaftlich passiert, wenn Prominenz auf rechtliche Normen trifft.
Lehmann zeigte im ersten Prozess wenig Reue, wie der Staatsanwalt explizit feststellte. Er sprach von Rufschädigung, von Medienvorverurteilung, von fehlenden Beweisen — obwohl ein Überwachungsvideo seine Anwesenheit am Tatort dokumentierte. Diese Reaktion ist nicht ungewöhnlich für jemanden, der jahrzehntelang trainiert wurde, Rückschläge nicht zu akzeptieren, sondern zu bekämpfen. Aber das Gericht ist kein Elfmeterpunkt, und der Richter kein Schütze, dessen Bewegung man lesen kann.
Das Urteil von 135.000 Euro ist für Lehmann finanziell schmerzhaft, aber bewältigbar. Die eigentliche Strafe liegt woanders: in dem Bild, das von ihm geblieben ist. Der Mann mit dem Spickzettel im Stutzen, der mit Köpfchen und Nervenstärke die Nation entzückt hatte, hat sich in den Jahren nach dem Karriereende ein anderes Bild geschrieben — eines, das mit jedem neuen Skandal deutlichere Konturen angenommen hat.
FAQ: Die wichtigsten Fragen zur Kettensägenaffäre
Was genau hat Jens Lehmann mit der Kettensäge getan? Am 25. Juli 2022 drang Lehmann auf das Grundstück seines Nachbarn Walter Winkelmann in Berg am Starnberger See ein und sägte mit einer Kettensäge einen Dachbalken in der Garage an. Er soll auch eine junge Birke auf dem Nachbargrundstück gefällt haben. Die Tat wurde von einer batteriebetriebenen Überwachungskamera aufgezeichnet, nachdem Lehmann das Stromkabel der Kamera zuvor aus der Verankerung gerissen hatte.
Warum tat Jens Lehmann das? Als wahrscheinlichstes Motiv gilt, dass der Garagenneubau des Nachbarn Lehmanns freien Blick auf den Starnberger See versperrte. Lehmann behauptete außerdem, die Garage rage rund 1,5 Meter auf sein Grundstück. Der Nachbarschaftsstreit hatte eine mehrjährige Vorgeschichte und führte bereits vor dem Kettensägenvorfall zu mehreren Sachbeschädigungen mit einem Gesamtschaden von über 10.000 Euro.
Wie hoch war die Strafe für Jens Lehmann? Das Amtsgericht Starnberg verurteilte Lehmann im Dezember 2023 zu einer Geldstrafe von 420.000 Euro. Nach seiner Berufung reduzierte das Landgericht München II die Strafe im September 2024 auf 135.000 Euro — 150 Tagessätze zu je 900 Euro wegen Sachbeschädigung und versuchten Betrugs. Dieses Urteil ist seit Oktober 2024 rechtskräftig.
Warum wurde die Geldstrafe so stark reduziert? Beim Berufungsverfahren vor dem Landgericht München II einigten sich Lehmann und seine Anwälte zu Beginn mit Staatsanwaltschaft und Gericht darauf, die Verurteilung wegen Sachbeschädigung und versuchten Betrugs zu akzeptieren. Zeugen mussten dadurch nicht mehr gehört werden, das Kettensägenvideo musste nicht mehr gezeigt werden. Das Verfahren wegen Beleidigung von Polizeibeamten wurde eingestellt, was die Basis für die Strafberechnung erheblich schmälerte.
War die Kettensägenaffäre ein Einzelfall in Lehmanns Nachkarriere? Nein. Die Affäre reiht sich ein in eine Folge von Vorfällen: Im Mai 2021 verlor Lehmann seinen Aufsichtsratsposten bei Hertha BSC, nachdem er den TV-Experten Dennis Aogo in einer Nachricht als „Quotenschwarzen” bezeichnet hatte. Im Herbst 2022 soll er laut Strafbefehl nach dem Oktoberfest alkoholisiert Auto gefahren sein. Ebenfalls 2022 soll er Parkgebühren von rund 300 Euro am Münchner Flughafen nicht gezahlt haben — einer der weiteren Anklagepunkte, der letztlich Teil des Berufungsverfahrens war.
Fazit
Jens Lehmann und die Kettensäge: Das ist die Geschichte eines Mannes, der sein Leben lang nach einem einzigen Muster funktioniert hat — kompromisslose Kontrolle, Verweigerung der Niederlage, das Vertrauen in die eigene Einschätzung gegenüber allen anderen. Auf dem Fußballplatz war das der Stoff, aus dem Karrieren gemacht werden. In Berg am Starnberger See war es der Stoff, aus dem 135.000 Euro Geldstrafe und ein dauerhaft beschädigtes öffentliches Bild werden. Der Take-away: Charakter ist kein Schalter, den man umlegen kann. Was einen großmacht, kann einen auch zu Fall bringen — je nachdem, auf welchem Platz man spielt.
Aktuelle Blogbeiträge: Klara-Magdalena Martinek





