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Marvin Pflaume: Der Gründer, der den Handel neu denkt

Marvin Pflaume: Der Gründer, der den Handel neu denkt

Es gibt Namen, die ein Echo tragen — auch wenn man sie zum ersten Mal hört. Marvin Pflaume gehört dazu, aber nicht aus dem Grund, den viele vermuten. Wer sich erwartet, beim Sohn des TV-Moderators Kai Pflaume auf ein klassisches Promikind zu treffen, das von väterlichen Kontakten zehrt, trifft auf jemanden, der sich mit einer handfesten Frage beschäftigt: Warum stirbt der lokale Einzelhandel — und lässt sich das aufhalten?

Das Problem, das er nicht erfunden hat, aber ernst nimmt

Die Zahlen kennt die Branche schon lange. Rund 61 Prozent aller Verbraucher recherchieren online, bevor sie irgendwo kaufen — auch wenn der Kauf am Ende im Laden stattfindet. Gleichzeitig verlieren stationäre Händler Jahr für Jahr Marktanteile an die großen E-Commerce-Plattformen, ohne wirklich eine eigene digitale Antwort zu haben. Der Fehler, so die Diagnose vieler Unternehmensberater, liege in der falschen Fragestellung: Online gegen stationär, als wären das zwei unvereinbare Welten.

Genau an dieser Stelle setzt Orderize an — das Startup, das Marvin Pflaume 2021 gemeinsam mit Paulina Pätzold in Grünwald gegründet hat. Das Prinzip ist, sobald man es versteht, bestechend einfach: Händler ohne eigenen Onlineshop bekommen eine Plattform, über die Kunden Produkte online vorbestellen und per QR-Code im Laden abholen. Kein teures Warenwirtschaftssystem, keine komplexe IT-Infrastruktur — der lokale Bäcker kann damit genauso arbeiten wie ein Buchhandel oder ein Fahrradladen.

Der Begriff, unter dem Marvin und sein Team das vermarkten, ist „phygital” — die Kombination aus „physical” und „digital”. Es geht nicht darum, den stationären Handel durch E-Commerce zu ersetzen, sondern ihn mit digitalen Werkzeugen so zu stärken, dass er gegenüber Amazon und Co. wieder attraktiv wird.

Vom Studium in die Lücke

Wer verstehen will, warum jemand Mitte zwanzig ein Startup in diesem Segment gründet, muss kurz zurückblicken. Marvin Pflaume, geboren im Dezember 1997, ist in einer Familie aufgewachsen, die Öffentlichkeit kennt und trotzdem bewusst auf Distanz hält. Sein Vater Kai Pflaume zählt seit Jahrzehnten zu den bekanntesten TV-Gesichtern Deutschlands — Moderator von Sendungen wie „Klein gegen Groß” und „nur die Liebe zählt”. Die Familie lebt in Grünwald bei München, einem der wohlhabendsten Vororte der Stadt, und schützt ihr Privatleben mit einer Konsequenz, die in der deutschen Medienlandschaft eher selten ist.

Marvin wählt nach der Schule ein BWL-Studium — Stationen führen ihn nach Kopenhagen und in den internationalen Hochschulraum, wo er sich frühzeitig mit digitalen Geschäftsmodellen befasst. Parallel dazu macht er ein Coding Bootcamp bei Le Wagon, dem in der europäischen Startup-Szene bekannten Programm für technische Grundlagenausbildung. Das ist keine Selbstverständlichkeit für jemanden mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund — es zeigt, dass Marvin nicht nur über Technologie reden, sondern sie auch verstehen will.

Nach dem Studium folgt ein Einstieg in die Technologieberatung. Als Junior Tech Consultant bei Project A Ventures, einem der renommiertesten deutschen Venture-Capital-Unternehmen, arbeitet er eng mit Startups zusammen, die ihre digitale Transformation vorantreiben wollen. Diese Station ist entscheidend: Wer bei Project A in die Beratung geht, lernt schnell, wie sich gute Ideen von skalierbaren Unternehmen unterscheiden.

Orderize: Mehr als ein Click-&-Collect-System

Wenn man Marvin Pflaume auf LinkedIn liest oder einem der Podcasts zuhört, in denen er über Orderize gesprochen hat, fällt ein Satz auf, der alle anderen zusammenfasst: Die strikte Differenzierung zwischen stationärem und digitalem Handel habe den lokalen Einzelhandel in eine Sackgasse geführt. Das klingt nach Unternehmensberatungssprech — ist aber tatsächlich eine präzise Diagnose.

Das Problem der meisten Digitalisierungslösungen für den Handel besteht darin, dass sie den stationären Händler zwingen, entweder zum Onlinehändler zu werden oder auf Digitalisierung zu verzichten. Ein Bäcker in München-Schwabing braucht keinen Onlineshop mit Versand. Er braucht eine Möglichkeit, dass seine Stammkunden am Sonntagmorgen von der Couch aus das Frühstücksbrötchen für zehn Personen vorbestellen können — und er beim Abholen weiß, was wann kommt. Orderize liefert genau das.

Das Geschäftsmodell unterscheidet zwischen B2B und B2C. Die B2B-Lösung — also ein cloudbasiertes Bestellsystem für Geschäftskunden — kostet rund 30 Euro im Monat, ein Preis, den auch kleine Betriebe schultern können. Das digitale Schaufenster für Privatkundschaft ist kostenlos, finanziert über einen Anteil am Transaktionsumsatz. Große Handelsketten sind bewusst ausgeschlossen: Orderize ist ausdrücklich für den lokalen Handel gebaut.

Beim Online Print Symposium 2024 trat Marvin als Co-CEO auf und stellte Orderize unter dem Titel „From Digital to Phygital: Innovating Beyond the Screen” vor. Die Resonanz war bemerkenswert — nicht weil der Vortrag spektakulär inszeniert war, sondern weil er ein Problem adressierte, das viele Händler kennen, aber für unlösbar halten.

Das Unbehagen mit dem Nachnamen

Man wäre unehrlich, würde man die Frage weglassen, die viele bei diesem Namen zuerst stellen: Hilft der Nachname? Die nüchterne Antwort lautet: In der Startup-Szene kaum. Venture-Capital-Investoren, Acceleratoren und Förderinstitutionen interessieren sich für Traktion, Markt und Team — nicht für den Vater. Wer dort mit dem Argument „mein Vater ist Kai Pflaume” auftreten würde, würde verlieren.

Marvin Pflaume tut das auch nicht. Sein öffentliches Auftreten — spärlich, sachbezogen, auf LinkedIn und bei Fachveranstaltungen konzentriert — signalisiert, dass er verstanden hat, wie das Spiel läuft. Die Tatsache, dass Orderize 2021 gegründet wurde und inzwischen auf Konferenzen wie dem OPS 2024 als Referenz für phygitale Innovation gilt, ist nicht durch Prominenz entstanden. Es ist durch das Produkt entstanden.

Was den Fall Marvin Pflaume für jeden interessant macht, der über Karrierewege, Gründungskultur oder schlicht über den deutschen Einzelhandel nachdenkt, ist dieser Kontrast: ein junger Mensch aus einem wohlhabenden Münchner Umfeld, der sich nicht für den einfachen Weg — Medien, Moderaton, Markenkooperationen — entschieden hat, sondern für einen, der scheitern kann. Gründen ist das.

Was Orderize über die Lage des deutschen Handels verrät

Dass ein Startup wie Orderize entstehen konnte, ist kein Zufall — es ist ein Symptom. Der stationäre Einzelhandel in Deutschland hat über Jahre zugeschaut, wie der E-Commerce wuchs, und gehofft, dass das Einkaufserlebnis vor Ort als Argument reicht. Es reicht nicht. Nicht allein.

Der Mittelstand-4.0-Kompetenzzentrum Handel, eine Bundesinitiative zur Förderung digitaler Handelslösungen, hat Orderize als Praxisbeispiel in seinem Podcast vorgestellt. Das ist ein Signal: Wenn eine staatlich geförderte Initiative ein Startup als Referenz nimmt, hat das Modell Substanz.

Die Frage, die bleibt, ist dieselbe wie bei jedem Startup in der Skalierungsphase: Reicht der Marktansatz, um wirklich groß zu werden? Lokale Händler digitalisieren zu wollen ist eine noble Mission. Aber die Margen sind eng, der Aufwand pro Händler ist hoch, und die Konkurrenz — von Google über Meta bis hin zu spezialisierten Branchenlösungen — schläft nicht. Marvin Pflaume und Paulina Pätzold wissen das. Ihre Aussagen in öffentlichen Auftritten klingen nicht nach blinder Euphorie, sondern nach kalkuliertem Optimismus — das Gegenteil von naiv.

Fazit

Marvin Pflaume ist kein Promi-Sohn, der eine Karriere macht. Er ist ein Gründer, der eine echte Lücke identifiziert hat und sie mit einem konkreten Produkt zu schließen versucht. Ob Orderize langfristig skaliert, wird der Markt entscheiden. Aber dass jemand mit 26 Jahren einen strukturellen Fehler im deutschen Einzelhandel nicht nur benennt, sondern mit eigenem Kapital und eigenem Team beantwortet — das verdient mehr Aufmerksamkeit als der Nachname, der diese Geschichte eigentlich überstrahlt.

FAQ: Häufige Fragen zu Marvin Pflaume

Wer ist Marvin Pflaume? Marvin Pflaume, geboren im Dezember 1997, ist der ältere Sohn von TV-Moderator Kai Pflaume und dessen Frau Ilke. Er ist Co-Gründer und Co-CEO des Startups Orderize sowie als Tech Consultant tätig. Seinen beruflichen Weg verfolgt er bewusst außerhalb des medialen Rampenlichts.

Was macht das Startup Orderize? Orderize ist eine Plattform, die lokale Einzelhändler dabei unterstützt, digitale Vorbestellsysteme einzurichten — ohne eigenen Onlineshop oder teure IT-Infrastruktur. Kunden bestellen online vor, holen die Ware per QR-Code im Laden ab. Das Unternehmen wurde 2021 in Grünwald gegründet.

Was bedeutet „phygital” im Kontext von Marvin Pflaumes Arbeit? „Phygital” steht für die Verbindung von physischem und digitalem Handel. Statt Händler vor die Wahl zu stellen — entweder Onlineshop oder Ladenlokal — verbindet Orderize beide Welten. Kunden recherchieren und bestellen digital, das Erlebnis findet aber stationär statt.

Warum ist Marvin Pflaumes Karriereweg ungewöhnlich? Als Sohn eines der bekanntesten deutschen TV-Moderatoren hätte er zahlreiche Wege ins Medien- oder Entertainmentbusiness gehabt. Stattdessen entschied er sich für ein betriebswirtschaftliches Studium, ein Coding Bootcamp, eine Beratertätigkeit bei einem Venture-Capital-Unternehmen und schließlich die eigene Gründung — alles jenseits der Kamera.

Wo kann man Marvin Pflaume aktuell verfolgen? Marvin Pflaume ist vor allem auf LinkedIn aktiv, wo er zu Themen wie Digitalisierung, lokalem Handel und phygitalen Konzepten schreibt. Er tritt regelmäßig auf Fachkonferenzen auf — zuletzt beim Online Print Symposium 2024 — und war Gast in Podcasts des Mittelstand-4.0-Kompetenzzentrums Handel.

Aktuelle Blogbeiträge: Armin Coerper Lebensgefährte

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